Der Vagusnerv & Resilienz: Trend oder wissenschaftlich fundierter Schlüssel zu innerer Stabilität?
- Stefanie Barkallah
- 31. März
- 3 Min. Lesezeit

In den letzten Jahren ist der Vagusnerv plötzlich überall: auf Instagram, in Podcasts, in Coachings. Aber ist das wirklich mehr als ein Trend? Oder steckt dahinter tatsächlich ein wissenschaftlich fundierter Zugang zu Resilienz, Stressregulation und innerer Stabilität?
Ich habe mich im Rahmen meiner Arbeit und eines Vortrags intensiv damit beschäftigt und die Antwort ist klar:
👉 Der Hype ist neu.
👉 Die Wissenschaft dahinter nicht.
Was ist der Vagusnerv und warum ist er so besonders?
Der Vagusnerv ist der längste Hirnnerv und Teil unseres autonomen Nervensystems. Er verbindet Gehirn, Herz, Lunge und Verdauungssystem miteinander. Seine wichtigste Aufgabe:
Regulation statt Aktion
Während der Sympathikus uns in Stress, Kampf oder Flucht bringt, aktiviert der Vagusnerv den parasympathischen Zustand – also Ruhe, Regeneration und Verbindung. Die Polyvagal-Theorie beschreibt, dass unser Nervensystem ständig zwischen Sicherheit und Gefahr unterscheidet und der Vagusnerv dabei eine zentrale Rolle spielt (Porges, 2007).
Warum der Vagusnerv gerade so im Fokus steht
Neu ist nicht der Nerv selbst, sondern unser Verständnis. Aktuelle Forschung zeigt: Der Vagusnerv ist eng mit unserer Fähigkeit verbunden, Stress zu regulieren und flexibel zu reagieren.
Herzfrequenzvariabilität (HRV): der Marker für Resilienz
Die HRV beschreibt die Fähigkeit unseres Herzens, flexibel auf Anforderungen zu reagieren.
Hohe HRV = anpassungsfähig, resilient
Niedrige HRV = starr, stressanfällig
Diese Variabilität wird maßgeblich durch den Vagusnerv beeinflusst (Thayer & Lane, 2000). Ein flexibles Herz zeigt ein flexibles Nervensystem. Neuere Studien zeigen außerdem, dass die Verbindung zwischen Herz, Gehirn und Selbstwahrnehmung (Interozeption) eine zentrale Rolle für unsere mentale Stabilität spielt (Sakuragi & Omeda, 2023).
Was das mit Resilienz zu tun hat
Resilienz ist nicht nur mental, sie ist körperlich.
👉 Resilienz ist die Fähigkeit deines Nervensystems, zwischen Aktivierung und Regulation zu wechseln.
Ein gut regulierter Vagusnerv hilft dir:
- schneller aus Stresszuständen herauszukommen
- dich sicher zu fühlen
- wieder in Verbindung zu gehen (Porges, 2007)
Warum Vagus-Übungen helfen, aber kein Wundermittel sind
Ja, Vagus-Übungen helfen. Sie bringen dich:
- aus dem Kopf zurück in den Körper
- aus Stress zurück in Regulation
- aus Isolation zurück in Verbindung.
Aber: Sie sind kein Quick Fix. Chronischer Stress verändert unser Nervensystem nachhaltig, z. B. die Funktion des präfrontalen Cortex (Arnsten, 2009).
Das bedeutet: Vagus-Übungen sind ein Zugang, aber keine alleinige Lösung.
3 kleine Übungen für deinen Alltag
1. Verlängerte Ausatmung 4 Sekunden ein, 6–8 Sekunden aus
2. Summen oder Singen 2–3 Minuten
3. Hand aufs Herz 1–2 Minuten bewusst spüren
Diese Übungen fördern die Interozeption und stärken die Verbindung zwischen Körper und Emotion (Nakley & Friedman, 2021).
Was langfristig wirklich hilft
Wenn du resilienter werden möchtest, braucht dein System mehr als einzelne Übungen.
Es braucht:
- Sicherheit
- gesunde Beziehungen
- Regulation statt Dauerleistung
- Bewusstsein für deinen Zustand
Vagus-Übungen sind kleine Anker. Veränderung entsteht durch Wiederholung und Umfeld.
Fazit
Der Vagusnerv ist kein Trend. Er ist ein zentraler Bestandteil unseres Nervensystems und ein Schlüssel zu echter Resilienz. Nicht als Konzept. Sondern als körperlich erfahrbare Fähigkeit.
Literatur (Auswahl)
Arnsten, A. F. T. (2009). Stress signalling pathways that impair prefrontal cortex structure and function.
Nakley, B., & Friedman, B. (2021). Interoception via the autonomic nervous system.
Porges, S. W. (2007). The polyvagal perspective.
Sakuragi, M., & Omeda, S. (2023). Cardiac interoception and self-related thoughts.
Thayer, J. F., & Lane, R. D. (2000). A model of neurovisceral integration.
Paziorek, A., & Skora, L. (2022). Vagus nerve stimulation and interoception.
Özten, A. W. (2020). Stress-induced vagus nerve activation disorders.



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